Willkommen 2021!

2. Januar 2021

Was hatte uns 2020 alles versprochen! Es fing schon mit der Feststellung an, wie locker und schwungvoll sich diese Jahreszahl schreiben lies: keine Ecken, keine Kanten, einfach fließen lassen.

Das Unheil bahnte sich schon im Februar an, aber richtig geglaubt haben wir es erst am 13. März, einem Freitag, als die Schulen schlossen und wenig später auch die meisten Geschäfte, Restaurants und Kultureinrichtungen.

Was dann geschah, hatte für jede und jeden von uns ganz individuelle Züge. Trotzdem war da auch die kollektive Erfahrung: nicht alles im Leben ist planbar, unser Tun und Machen gründet auf der Annahme, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass diese Annahme eine Illusion ist – und immer schon war -, hat uns dieses Jahr immer wieder vor Augen geführt und wir sind ihm mal mit Widerstand und Frustration, mal mit Gelassenheit und Entschlossenheit entgegengetreten.

Ich will mich nicht dem allgemeinen Gejammer anschließen. Für mich persönlich hatte dieses Jahr auch sehr viel Gutes im Gepäck – und seien es nur ein paar Erkenntnisse mehr oder weniger allgemeiner Natur:

  • Auch wenn wir vieles planen oder auch verplanen, so beruht doch letztlich all unser Handeln auf der Illusion, dass alles so bleibt, wie es war. Siehe oben. Leben ist jedoch Wandel. Nichts bleibt, auch wenn wir es nicht so recht glauben oder wahrhaben wollen.
  • Das Wegfallen von Terminen beruflicher wie privater Art hat für viel Ruhe und Gelassenheit in meinem Leben gesorgt. Das, was mich wirklich frustriert hat, waren die Familienfeiern, die nicht stattfanden oder an denen wir nicht teilnehmen konnten, weil wir mal wieder in Quarantäne waren.
  • Vieles, was vorher unmöglich schien, war plötzlich machbar: Homeoffice und Unterrichten auf Distanz, Freundschaften digital, überhaupt die Digitalisierung meiner Arbeitswelt. Was vorher jahre-, ja jahrzehntelang unmöglich schien oder verschleppt wurde, wurde realisiert oder zumindest auf den Weg gebracht. Und mit der Möglichkeit stieg auch das Gefühl der Machbarkeit, des Vertrauens in die eigene Kompetenz und die Hilfsbereitschaft anderer, die halfen, Probleme zu lösen und das Unmögliche möglich zu machen.
  • Kultur, Konzerte, selbst der Chor – auf nichts habe ich schwereren Herzens verzichtet als auf das Reisen. Ich könnte ohne vieles auskommen, aber das Reisen, das Entdecken neuer Länder und Landschaften oder auch das Wiedersehen mit mittlerweile sehr vertrauten Regionen fällt mir schwer. Umso dankbarer bin ich für das, was trotz allem stattfinden konnte: Wanderurlaube in Südtirol, ein Wochenende am Dümmer See bei Schwerin und eines in Potsdam, Besuche von Freunden.
  • Ein Thema ist mir in diesem Jahr immer wichtiger geworden: unser Klima. Als ich mich – zusammen mit vielen anderen Menschen – auch für Fall- und Inzidenzzahlen, Hintergrundinformationen zur Forschung am Virus und an dessen Bekämpfung interessierte, sind die Themen Klima und Klimawandel immer mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gerückt. Und während sich gefühlt alle um mich herum über das „schöne“ Wetter freuten, schaute ich immer besorgter in den wolkenlosen Himmel und auf die Wetterprognosen und wartete auf den dringend benötigten Regen. Das dritte Jahr Dürre in Folge – drei Monate im Frühjahr ohne nennenswerten Niederschlag – das beunruhigt mich mehr als jedes Virus. Den Wald, durch den ich jahrzehntelang gewandert bin, gibt es nicht mehr. Wer’s immer noch nicht glaubt, schaue sich mal hier unseren Teutoburger Wald an: https://www.youtube.com/watch?v=-m3EjS7vXyg

Was ergibt sich daraus für 2021?

Ruhe und Gelassenheit können bleiben, das Gefühl der Machbarkeit auch. Im neuen Jahr will ich mehr für unser Klima tun und meinen persönlichen Beitrag leisten. Wie genau das aussehen soll? Das wird mein nächster Blogbeitrag zeigen…

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Mörderische Aktivität

Zuhause, 28. Juli 2020

Sie ist ein zartes Geschöpf, die Sibirische Schwertlilie. Filigrane, tiefblaue Blüten mit zarter weißer und gelber Zeichnung tanzen im Mai über schmalen, lanzettlichen Laubblättern. Ich mag sie sehr, hat sie doch eine seltene Farbe und eine ausgesprochen aparte Form.

Doch wehe, man will ihr ans Leder bzw. an die Wurzel. Im Frühjahr schon ahnte ich: dieses Jahr muss sie geteilt werden. Denn leider hat sie eine unschöne Eigenschaft. Sie wächst von der Mitte heraus nach außen, daher entsteht mittig ein unschönes Loch und die Blätter fallen auseinander. Schon vor ein, zwei Jahren wäre eine Teilung nötig gewesen. Die habe ich immer wieder verschoben, mit fatalen Folgen, wie sich jetzt herausstellte.

Denn unter der zarten Oberfläche verbirgt sich ein stählernes Geflecht von Wurzeln, ihr Rhizom. Mutig stoße ich erst den Spaten, dann die Grabegabel in den Boden. Ein Eindringen ist fast unmöglich. Ich grabe, ich steche, ich hacke. Der Schweiß rinnt, die Grabegabel ächzt. Gefühlt bewegt sich gar nichts. Ich greife zur Astschere und zur Axt, ziehe an Blätterbüscheln, hebele einzelne Stücke des Wurzelgeflechts aus dem Boden. Die Grabegabel bricht. Die Pflanze wehrt sich bis zum bitteren Ende.

Zwei Stunden später sinke ich völlig ermattet und unterzuckert auf der Gartenbank zusammen. Es ist geschafft. Sie hat mich geschafft. Ich bin erledigt. Sie auch.

Das neue Beet ist fix angelegt: die vor einigen Wochen erstandene Strauchrose Matthias Claudius, der unter der Schwerlilie fast verschwundene Storchschnabel Rozanne und, ja und … die Sibirische Schwertlilie, von der ich ein paar kleine Büschel abgezweigt habe.

Und beim nächsten Mal werde ich sie ganz bestimmt rechtzeitig teilen…

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Vom Wandern und Spazieren

Meran, 19. Juli 2020

Heute lasse ich es mal langsam angehen. Auf Wegen, immer am Hang entlang, spaziere ich nach Meran. Die Wanderschuhe bleiben in der Unterkunft, heute reichen Sandalen. Statt Funktionswäsche ein Baumwolltop, dazu ein Rock (zugegeben, sowohl Sandalen als auch Rock stammen von einem Outdoorausstatter). Mein Rucksack ist klein und enthält nur Wasser und mein Portemonnaie. Die große Kamera ist dabei. Oft bleibe ich stehen, zum einen um die großartige Landschaft zu genießen, zum anderen um Fotos zu machen und Pflanzen zu bestimmen. Oder auch um zu vermeiden, dass ich durchgeschwitzt ankomme. Es dauert also lange – großer Eisbecher inklusive – bis ich Meran erreiche. Es ist Sonntag, die Geschäfte geschlossen. An der Passerpromenade ist es etwas kühler, ansonsten heiß und drückend. Daher bleibe ich nicht lange und fahre mit dem Bus zurück nach Partschins.

Beim Wandern ist es anders: unnötiges Stehenbleiben wird vermieden, weil es die Gruppe behindert und man aus dem gleichmäßigen Tritt kommt, der einen die Berge hinauf- oder herunterträgt. Der Schweiß rinnt, irgendwann ist das T-Shirt durchnässt und das zum Stirnband umfunktionierte Halstuch auch. Dicke Wanderschuhe umschließen die Knöchel, der Rucksack – sparsam gepackt zwar – enthält alles Nötige, vom Hüttenschlafsack über Regenhose bis zum Müsliriegel (wobei „das Nötige“ bei 9 kg schon sehr knapp bemessen ist). Es ist anstrengend, der Mühe Lohn wartet oft erst nach einem längeren Aufstieg oder abends auf der Hütte, wenn die Füße befreit aufatmen (und die Nachbarn ob der frischen Dusche auch).

Warum also wandern, wenn man spazieren kann? Warum die Mühe, wenn es auch anstrengungsfrei gehen kann?

Weil ich mit dem Spazieren nie an meine Grenzen stoße – wenn ich keine Grenzen spüre, weiß ich auch nicht, was ich eigentlich leisten kann. So hat mir der Gang über die Hochgangscharte – den ich dann zwei Tage später alleine nachhole – fast 20 Jahre lang großen Respekt eingeflößt. Heute weiß ich, es ist nicht nur machbar sondern auch eine herrliche lange Wanderung, die ich gerne im Herbst wiederholen möchte.

Weil das Gehen auf vertrauten Pfaden zwar Sicherheit, Gemütlichkeit und Genuss bietet, aber auf Dauer auch etwas Langeweile, wenn die Herausforderungen fehlen.

Am liebsten ist mir jedenfalls eine ausgewogene Mischung: einerseits die Herausforderung des Neuen, das Ausprobieren, wie weit ich gehen kann, andererseits der Genuss, das Ausruhen, das zufriedene Blicken auf das, was ich geschafft habe. Und wenn das auch im übertragenen Sinne im Alltag gelingt, umso besser…

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Bett mit Bergblick II

Partschins, 18. Juli 2020

Zurück in Partschins, geduscht und in frischen Sachen, fühlt sich alles wieder ganz anders an. Heute tue ich nichts mehr. Die Füße werden hochgelegt, Nachrichten geschrieben und beantwortet, ein Buch herausgeholt und mal auf die deftige Alpenküche verzichtet. Etwas Joghurt und Obst können auch ein ganz phantastisches Abendessen abgeben.

Die letzten Tage waren mal mehr, mal weniger anstrengend für mich. Landschaftlich waren sie wunderbar: immer neue Ausblicke aufs Passeiertal, dann der lange Aufstieg zur Bockerhütte im Spronser Tal, die nur zu Fuß erreichbar ist, sich abends schnell leert und uns mit den Bergen allein lässt. Dann der lange Anstieg zum Oberkaser und zu den Spronser Seen, an denen unser Aufenthalt leider etwas vom drohenden Regen gezeichnet ist und der lange, steile Abstieg durch die Taufenscharte, die unser Bergführer wegen des Regens wählt, der sich bis dahin wieder verzogen hat.

Der letzte Tag führt wieder auf dem eigentlichen Meraner Höhenweg entlang, auf wenig wechselnder Höhe, aber mit vielen schönen Ausblicken ins Vinschgau und auf die umliegenden Berge. An der Texelbahn trennt sich unsere Gruppe, einige treten direkt den Heimweg an, andere bleiben wie ich noch ein paar Tage. Ich kaufe ein, melde mich in meiner Pension zurück, dusche erstmal und freue mich, andere Sachen anziehen zu können.

Was ist mein Fazit?

1. Coronabedingt ist mein Urlaub in diesem Jahr ganz anders ausgefallen als geplant. Südtiroler Berge statt englische Gärten, Wandern in der Gruppe statt Reisen alleine. Es war trotzdem schön.

2. Ich war etwas skeptisch, ob ich in so einer Gruppe mithalten kann, was die Kondition betrifft, und ob ich genug Zeit allein für mich habe. Konditionsmäßig anstrengend, aber in Ordnung. Am Berg ist jeder mit sich allein.

3. Der Meraner Höhenweg stand schon lange auf meiner Langzeit-to-do-liste, jetzt ist es geschafft und ich kann ein imaginäres Häkchen machen (was nicht heißt, dass ich es nie wieder machen will). Ein Traumziel ist jedenfalls erstmal erreicht.

4. Die Landschaft um Meran beeindruckt mich immer wieder. Unten mediterran, oben alpin, für jeden Geschmack und jede Stimmung ist etwas dabei.

5. Das einzige, was mir hier fehlt, ist Wasser. Das morgendliche oder abendliche Bad in See oder Fluss, das ich auf anderen Reisen gerne und oft genossen habe, ist hier nicht möglich (es sei denn, man bucht eine Unterkunft mit Pool).

6. Es lohnt sich, einfach mal ganz anders zu planen und zu denken. Noch vor zwei Wochen hätte ich nicht gedacht, dass ich meinen Urlaub hier verbringe. Das Abweichen vom Plan, das Öffnen für andere Ideen ist hier für mich voll aufgegangen.

Schön war’s!

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Auf und ab und auf und…

Valtelehof, 15. Juli 2020

Viele Höhenmeter liegen hinter uns. Und ebenso viele Landschaftstypen, Eindrücke, emotionale Zustände…

Vom Pirchhof führt der Weg noch oberhalb des Etschtales hinein ins Schnalstal. Während das Etschtal breit ist und an der Talsohle vom intensiven Obstbau geprägt, verengt sich das Schnalstal so sehr, dass die Straße hier durch einen Tunnel führt. Weiter oben finden sich Weiden, einzelne Höfe, kleine Dörfer. Wer mit Auto oder Bus der Straße folgt, sieht die Kirche von Katharinaberg hoch oben auf einem fast senkrecht abfallenden Felsen stehen. Heute schauen wir vom Weg auf sie herab, ein gänzlich unvertrauter Anblick. Da der nächste Teilabschnitt des Meraner Höhenweges wegen eines Erdrutsches nicht begehbar ist, nehmen wir ein Taxi zum Vorderkaser, einer Alm im Pfossental, einem Seitental oberhalb des Schnalstales. Hier endet die Straße, nur ein Fahrweg führt weiter. Dem folgen wir bis zum Mitterkaser, der urigen Alm, wo wir die Nacht verbringen. Schiefe, uralte Treppenstufen und tiefliegende Balken, an denen ich mir mehr als einmal den Kopf stoße, sowie die netten Gastgeber machen den Aufenthalt hier zu einem ganz besonderen Erlebnis. Das Bimmeln der Kuh- und Ziegenglocken und das Rauschen des Baches wiegen mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wecken sie mich auch wieder. Die Milchziegen warten schon darauf, gemolken zu werden. Den Frischkäse aus eigener Herstellung gibt es etwas später zum Frühstück, auf hausgebackenem Brot, ein einfaches, aber köstliches Frühstück. Weiter geht es auf dem Weg aufwärts. Fast 900 Höhenmeter wollen überwunden werden, zunächst über saftige Almwiesen und lichte Wälder mit uralten Lärchen, dann oberhalb der Baumgrenze in immer kargere Regionen. Blütenpflanzen säumen in einer überwältigenden Vielfalt den Weg und spiegeln alle Höhenstufen wieder. Schließlich sind es nur noch alpine Polsterpflanzen, die in dieser Höhe den unglaublichen Überlebenskampf in den wenigen schneefreien Wochen bestehen können. Als müsste man davon überzeugt werden, liegen zum Beweis noch ein paar Schneefelder auf dem Weg. Am Eisjöchl in über 2900 Meter Höhe erreicht der Meraner Höhenweg seinen höchsten Punkt.

Auf der anderen Seite wartet dann eine Überraschung: Baulärm inmitten der Bergeinsamkeit. Die Stettiner Hütte wurde vor einigen Jahren durch einen Erdrutsch zerstört und wird jetzt wieder aufgebaut. Die Rückseite des Eisjöchls gleicht einer riesigen Schotterhalde. 1200 anstrengende Meter geht es wieder hinunter, bis in Pfelders das Etappenziel erreicht ist. Umso schöner, dass die müden Füße sich in einem Zimmer mit Bad statt in einem Matratzenlager erholen dürfen. Welch ein Luxus!

Der Weg heute ist dann fast Erholung. Nur schade, dass die Füße das etwas anders sehen und sich trotzdem beschweren. Dafür hat der Rucksack seinen Platz auf dem Rücken gefunden und auch der Schmerz in den Oberschenkel lässt spürbar nach. Schon am frühen Nachmittag ist unser nächstes Ziel, der Valtelehof, erreicht. Zeit genug, die Füße von den Wanderschuhen zu befreien und die herrliche Aussicht ins Passeiertal bis hinauf zum Jaufenpass zu genießen.

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