Länderhüpfen

Miltenberg – Steinheim am Main 29. Juli 2021 74 km

Zugegeben, so ganz passt der Titel nicht, bereise ich doch heute nur zwei der vier Bundesländer, durch die der Mainradweg führt. Dennoch: gestern noch in Baden-Württemberg, führt der Weg heute größtenteils wie in den Tagen davor durch Bayern. Kurz hinter Aschaffenburg wechselt er dann wieder auf die linke Mainseite – und damit nach Hessen. Und morgen – am Ziel meiner Fahrt in Mainz – erreiche ich dann Rheinland-Pfalz.

Zunächst noch Wälder auf beiden Seiten des Weges, links der Odenwald, rechts der Spessart, weitet sich das Tal in Richtung Aschaffenburg. Die Johannisburg ist schon von weitem zu sehen, und ich beschließe, der Stadt einen Besuch abzustatten und nach einem Café zu suchen. Nach einem Rundgang gebe ich jedoch etwas entnervt auf: die Stadt ist hügelig, für Radfahrer – zumindest ortsunkundige – schlecht zu durchschauen, und die Cafés und Biergärten überfüllt. So geht es weiter am Main entlang. Das immer weiter werdende Tal bietet wenig Abwechslung.

Schon eine ganze Reihe von Kilometern später, diesmal wird die nachmittägliche Hitze nicht von einem Regenguss unterbrochen, erreiche ich Steinheim am Main. Auch dieser Ort mit seinen hübschen Fachwerkhäusern ist nicht von Urlaubern verschont, aber vor einem Café ergattere ich einen Tisch sowie Kaffee und Kuchen. Irgendwie scheinen sich alle ehemaligen Passagiere von Kreuzfahrtschiffen coronabedingt auf die touristischen Highlights am Main zu konzentrieren. Die Cafés und Biergärten sind jedenfalls auffällig mit Personen gefüllt, die das Rentenalter schon längst erreicht haben müssten.

Der Campingplatz liegt in der nächsten Mainbiegung und ist recht klein. Ein Bootshaus mit Restaurant in unmittelbarer Nachbarschaft sorgt dafür, dass ich nicht noch einkaufen muss, denn das habe ich im Laufe des Tages schlichtweg vergessen. Das beste heute aber: es gibt direkt am Campingplatz, quasi vor meinem Zelteingang – eine Badestelle. Also vor der Dusche das erste Mal abtauchen in dem Fluss, der mich schon seit einer Woche begleitet.

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Wind von Süd, von West, von…irgendwie immer von vorn

Ochsenfurt – Miltenberg 28. Juli 2021, 92 km

Nach einer recht unruhigen Nacht, in der viel Regen auf mein Zeltdach prasselt, ist der Morgen trocken. Glücklicherweise gab es kein Gewitter und keinen Böen, so dass ich geschützt vor Nässe ausharren konnte. Allerdings lässt sich die Sonne heute morgen kaum blicken und kein Luftzug regt sich, um das nasse Zelt zu trocknen. So muss ich es feucht einpacken, nachdem ich es notdürftig mit meinem liebevoll „Zeltwedel“ genannten Lappen abgewischt habe. Der Wunsch nach einer ruhigen, trockenen Nacht manifestiert sich in der Buchung eines Hotels in Miltenberg, das am südlichsten Punkt der letzten Mainschleife liegt. „Schmuckkästchen“ heißt es. Da ich mich an Miltenberg von einem Besuch vor vielen Jahren selbst an ein Schmuckkästchen erinnert fühlte – der vielen Fachwerkhäuser und des geschlossenen Stadtbildes wegen – gefällt mir der Gedanke, in einem Schmuckkästchen im Schmuckkästchen zu wohnen.

Allein, zwei Dinge habe ich unterschätzt: die Entfernung und den Gegenwind. Unermüdlich bläst er kräftig mal aus Süd, mal aus West, aber immer mir entgegen. Manchmal gerade mal mit 13 Kilometern pro Stunde krieche ich meinem Ziel näher. Manche Menschen behaupten ja, beim Radfahren habe man immer Gegenwind, aber wer schon einmal mit vollem Gepäck auf ebener Strecke mit dem Wind im Rücken durch die Landschaft gesaust ist, kennt den Unterschied. Zu allem Überfluss kommt auch noch der schon fast obligatorische nachmittägliche Regenguss mit überwältigender Wucht hinzu. Der eilig gewählte Unterstand entpuppt sich als Falle, klatscht der Regen, vom Wind getrieben, doch genau in die Ecke, in die ich mich verkrochen habe. Ein Hoch auf Wetterapps und schnelltrocknende Kleidung: die eine verheißt mir ein baldiges Ende des Regens, die andere lässt mich schon bald im Fahrtwind zusehends trocknend meinem Ziel entgegeneilen, denn einen Vorteil hatte der Schauer: der Wind hat sich erst einmal gelegt.

Ja, und Miltenberg? Immer noch ein Schmuckkästchen, ein Ort wie aus der Zeit gefallen. Ich erinnere mich, wie ich mit etwa 15 Jahren vor dem Brunnen am Marktplatz stand, nach einer Wanderetappe unserer alljährlichen Herbstwanderung am Tagesziel angekommen. War ich damals genauso erschöpft wie heute? Ich kann mich nicht erinnern. Woran ich mich erinnere, ist das hübsche Fachwerkhaus hinter dem Brunnen: es ist das „Schmuckkästchen“, in dem ich mich heute zur Ruhe lege.

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Mirabellenzeit

Ochsenfurt – Gemünden   27. Juli 2021, 66 km

Aus den Hecken leuchten sie mir entgegen, gelb, rot, blaulila: Mirabellen. Um diese Zeit – nachdem die Beeren durch sind – das Obst, das für mich den Hochsommer einläutet. Manche noch etwas sauer, andere schon vollreif, scheint niemand sie ernten zu wollen. Die reifen liegen auf dem Boden, plattgefahren oder im Gras versteckt.

Zuhause hatten wir einen Mirabellenbaum im Garten. Unser Verhältis zu ihm war immer etwas zwiespältig. Ein ums andere Jahr trug er so reich, dass wir nicht wussten, wohin mit der Ernte.  Denn leider haben Mirabellen die Eigenschaft, recht schnell zu verderben. Dann landen sie im Gras, umlagert von Wespen, was das Barfußgehen zu einem Gang wie auf heißen Kohlen macht. Einmachen kann man sie auch nicht wirklich: um Gegensatz zu Zwetschgen schmecken sie dann relativ nichtssagend. Und für Marmelade gibt es auch nur begrenzt Verwendung. Also heißt es: essen, was das Zeug hält.

Bald jedoch stellt sich ein Gefühl von Überdruss ein. Von diesem bleibe ich allerdings jetzt verschont, da ich im Vorbeifahren nasche. Unwillkürlich beginnen meine Augen, das Gebüsch nach den verheißungsvollen Farbklecksen abzusuchen. Einmal erkannt, stellt sich die Frage, die in Blitzeseile entschieden werden muss: Lohnt sich das Anhalten? Denn sind die Zweige nicht erreichbar, kann ich gleich weiterradeln. Wird die Frage aber mit ja beschieden, so stopfe ich mir – nicht ohne einige gestestet zu haben – Mirabellen in die Tasche, um im Weiterfahren eine nach der anderen zu essen. Und da die Mengen, bedingt durch die Größe meiner Hosentaschen, begrenzt sind, werde ich sie auch nicht leid. 

Ein ähnlich zwiespältiges Verhältnis habe ich übrigens zu einem weiteren Boten des Hochsommers, dem Klarapfel. Ich erinnere mich gut an die gemischten Gefühle, die ich den blassgrünen Gesellen früher entgegenbrachte, wenn ich sie in meiner Butterbrotsdose fand: zu früh gepflückt einfach nur extrem sauer, zu spät mürbe und mehlig, schmeckt er eindeutig am besten frisch vom Baum. Und auch hier ist seine Zeit sehr begrenzt. Dafür gibt es wohl keinen anderen Apfel, der zu einem so herrlich hellen Kompott zerfällt, dass ganz ohne Zucker auskommt. Und der für die ersten frischen Apfelkuchen des Jahres sorgt. Denn auch zum Backen eignet er sich wunderbar, da er schnell mürbe wird und für saftiges Gebäck sorgt.

Unterwegs muss ich mich allerdings weder um Kuchen noch Kompott kümmern: kommt mir einer an einem offensichtlich vernachlässigten Baum in erreichbare Nähe, so wandert er in meine Tasche – oder gleich in den Mund.

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Langsam

Schweinfurt – Ochsenfurt   26. Juli 2021  75 km

Der Weg aus Schweinfurt heraus beginnt wie der gestrige: entlang von Bundesstraßen. Bald jedoch verlässt er die Straßen. Der Höhepunkt des Morgens ist die Überquerung des Mains mit einer kleinen Fähre, die gerade mal zwei Autos und ein paar Fahrräder fasst. Sie gleitet über das Wasser und ich bin versucht, noch einmal hin und her zu fahren, des Spaßes halber.

Nach fast 200 km in zwei Tagen sind meine Beine etwas müde. Ich lasse es etwas langsamer angehen. Eine Radlerin mit Gepäck holt von hinten auf und spricht mich an. Es entspannt sich ein nettes Gespräch, aber mit ihrem Tempo kann ich und will ich nicht mithalten.

Stattdessen besuche ich die hübschen mittelalterlichen Städtchen, um die der Radweg einen Bogen macht: Volkach, Kitzingen, Marktbreit. Cafés und Biergärten säumen die Straßen. Heute will ich nicht an allem vorbeiradeln sondern auch mal zu einem Getränk oder Eis einkehren. Langsam angehen lassen, mich langsam dem Ziel nähern, von dem ich noch gar nicht weiß, wo es ist.

In Villach auf dem historischen Marktplatz unterm Sonneschirm ein Kaltgetränk, dazu ein Gespräch mit dem schwedischen Paar neben mir, ein Bummel durch Kitzingen, Kaffee vor dem Seinsheimer Schloss in Marktbreit, so gelange ich schließlich nach Ochsenfurt, wo ich auf dem Campingplatz die Radlerin von heute morgen wiedertreffe. Für Gesprächsstoff ist gesorgt, als wir nach umständlichem Erklären, wo wir denn „wech“ kommen, feststellen, dass wir im gleichen Ort großgeworden sind.

Das Gewitter zieht vorüber, die Nacht bleibt ruhig. Ein weiterer Tag am Main kann kommen.

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Wind, Regen, Bundesstraßen.

Oberbrunn – Schweinfurt 25. Juli 2021 95km

Eine stürmische Nacht liegt hinter mir. Das neue Zelt, bisher kaum erprobt, ächzt und flattert. Die Außenhaut drückt an das Innenzelt. Eine Weile schaue ich mir das Ganze an, unschlüssig was zu tun ist. Oder eher: der Gedanke, mitten in der Nacht aufzustehen und ums Zelt zu stapfen, um die Abspannung zu überprüfen, löst wahrlich keine Glücksgefühle aus. Ein Blick auf die Wetterkarte belehrt mich eines Besseren: die Vorboten eines heranziehenden Regengebiets zerren an meinem Zelt. Also doch raus. Und das ist gut so, denn der erste Häring hat sich schon gelöst. Im Dunkeln spanne ich weiter Leinen ab, die ich vorher im Vertrauen auf eine ruhige Nacht nicht benutzt hatte, und krieche zurück in meinen Schlafsack. Es flattert und zerrt weiter, Regen prasselt auf das Zeltdach, aber alles hält.

Morgens ist das Unwetter wie weggeblasen. Ich beginne den Tag mit einem Bad im Baggersee, der direkt vor meiner Zeltwiese liegt. Das sind die schönsten Momente des Radlerlebens: früh ins Wasser, danach das Zischen des Kochers für den ersten Kaffee, während das Zelt langsam trocknet. Nachdem alles gepackt und getrocknet ist, kann es losgehen.

Der Weg ist heute eben, das Tal weit. Auch heute sehe ich den Main eher selten. Auf Bamberg zu führt der Weg oft entlang von Bundesstraßen. Für Bamberg selbst – an der Regnitz gelegen – muss ich einen Abstecher fahren. Den Eisbecher oder Kaffee vor historischer Kulisse schon vor Augen, schrecken mich die vielen Menschen. In Coronazeiten verzichte ich dankend darauf, mich in die Mengen zu stürzen, und verlasse die Stadt, der Regnitz folgend.

Leider verlässt der Weg bald den idyllischen Treidelpfad am Fluss und wird oft entlang von Bundesstraßen geführt. Das ist kein großes Fahrvergnügen: Kilometer schrubben ohne großes Vergnügen, dazu ein aufziehendes Gewitter. Den einsetzenden Platzregen warte ich geschützt in einer sehr komfortablen Bushaltestelle ab, mit Blick auf die vorbeieilenden Radler, die diesen Unterschlupf nicht sehen.

Weiter geht es entlang von Bundesstraßen: dieser Weg macht mir keinen Spaß. Bei einem sehr verspäteten Kaffeestopp, aus dem dann Käsebrett und Weinschorle werden, fange ich an zu suchen und zu telefonieren. Kein Campingplatz weit und breit. In Schweinfurt werde ich fündig: ein Hotel mitten in der Stadt. Nach 95 Kilometern heute sinke ich nur noch auf mein Bett. Für heute reicht’s.

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