Loslassen

Lana in Südtirol, 21. Oktober 2018

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Autsch! Auf der ersten Wanderung – eigentlich eher ein Spaziergang – den Fuß umgeknickt. Den Weg für dicke Bergschuhe als zu leicht befunden, einen Moment nicht auf den Weg geguckt, schon ist es passiert.

Es hätte so schön sein können: herrlichstes Herbstwetter, tiefblauer Himmel, wärmende Sonne, kühle Schatten. Die Wanderrouten vor der Nase, die ich in den vergangenen Urlauben hier aus verschiedensten Gründen nicht gegangen bin, allen voran die Ötzi-Gletscher-Tour, die als geführte Wanderung auf das über 3000m hoch gelegene Tisenjoch zur Ötzi-Fundstelle führt.

Diesmal stimmten viele Voraussetzungen. Und dann das. Ich bin wütend auf mich selbst, dass ich nicht besser aufgepasst habe. Ich bin enttäuscht, dass es diesmal wohl nichts wird mit anspruchsvollen Höhenwanderungen. Bei bestem Wetter auf die Mutspitze, Merans Hausberg: es wäre so schön gewesen.

Und so gilt es einmal mehr, Pläne und Vorhaben loszulassen und neue zu fassen. Eine gewisse Gelassenheit beginnt sich breit zu machen. Bei wunderbarem Blick einfach auf einer Bank sitzen? Warum nicht? Das lange angefangene und noch nicht weitergelesene Buch zu Ende lesen? Auch möglich.

Letztendlich hilft alles Lamentieren nicht. Und vielleicht wäre die Wanderung doch zu anstrengend geworden? Gerade habe ich erst angefangen, meine kaum vorhandene Kondition zu verbessern. Hätte sie gereicht? Ich werde es nicht erfahren. Und kann stattdessen offen sein für die Alternativen, die sich so auftun. Mal sehen, was die Tage hier so bringen…

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Exit Brexit!

8. September 2018

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Dear British, not only after having been part of the Last Night of the Proms broadcast in Bielefeld, Germany, I have come to the conclusion that Europe will suffer a terrible loss if you leave us. We need you! We need your unique sense of humour, your self-irony, your relaxed patriotism.

I have never – not even when I lived in Britain many years ago – understood why you so desperately want to leave the European Union. Being part of something bigger does not mean to lose one’s identity. It does not mean to lose national pride. It means to contribute, to grow, to create.

So, please make up your minds. We need you! And if you are really honest, you also need us…

Liebe Briten, gestern – bei der Übertragung der Last Night of the Proms in die Oetker-Halle in Bielefeld – ist mir wieder einmal klar geworden, um wieviel ärmer Europa ohne euch sein wird. Wir brauchen euch mit eurem einzigartigen Sinn für Humor, eurer Selbstironie, eurem unverkrampften Patriotismus.

Ich habe nie verstanden, warum ihr so unbedingt die Europäische Union verlassen wollt. Teil von etwas Größerem zu sein bedeutet nicht, seine eigene Identität zu verlieren. Es bedeutet auch nicht, seinen Nationalstolz aufgeben zu müssen. Es bedeutet, sich einzubringen, zu wachsen, zu gestalten.

Also, überlegt es euch noch mal! Wir brauchen euch! Und wenn ihr ganz ehrlich seid, dann braucht ihr uns auch…

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Wiener Impressionen

Wien    21. August 2018

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Was macht man an einem heißen Tag in Wien? Schon gestern abend hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt, nicht an dem orientiert, was man „gemacht haben muss“, sondern an dem, was Wetter und vor allem Interessen hergeben.

Dazu gehören: Stephansdom, Naschmarkt, Donau, ein Besuch in einem Kaffeehaus, Hundertwasserhaus, Botanischer Garten.

Ich fange an mit dem Stephansdom. Obwohl noch recht früh am Morgen, schlägt mir schon beim Verlassen des U-Bahnhofs die Wärme entgegen. Was liegt da näher, als die Katakomben zu besichtigen? Dort unten ist es zumindest angenehm kühl. Als Kind war ich einmal hier und kann mich noch mit leichtem Schaudern an den Blick auf die Sammlung von gestapelten Schädeln und Knochen erinnern, die ich allerdings viel umfangreicher in Erinnerung habe.

Der Weg zum Naschmarkt ist nicht weit. Auf dem Weg fällt mir ein Kaffeehaus auf, dass vielleicht „meins“ werden könnte: innen roter Plüsch, außen ein schöner Gastgarten. Mal sehen, ob sich im Verlauf des Tages noch etwas anderes findet. Jetzt – kurz vor Mittag – ist mir noch nicht nach Kaffee und Kuchen.

Der Naschmarkt wartet mit einer kaum überschaubaren Vielfalt an kleinen Restaurants und Lebensmitteln auf: österreichisch, thailändisch, indisch, syrisch, griechisch, italienisch und vieles mehr. Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden, da ich zum einen etwas suche, was ich noch nicht kenne, zum anderen mich dort auch alleine wohlfühlen möchte. Meine Wahl fällt auf ein gut besuchtes Lokal mit israelisch-arabischer Küche, wo es hausgemachte Limonade, gegrillte Auberginen mit Hummus und Tomaten-Koriander-Salat zu kosten gibt.

In der Mittagshitze gibt es für mich nur eins: ab ins Wasser! Schon gestern abend hatte ich nachgesehen, wo in Wien man in der Donau baden kann und Badesachen eingepackt. An der Donauinsel steige ich aus der U-Bahn und folge einer Gruppe junger Leute, die ortskundig wirken. Leider sind sie genau so orientierungslos wie ich. Trotzdem finde ich einen geeigneten Platz, der allerdings von zwei respekteinflößenden Schwänen bewacht wird. Vorsichtig gleite ich ims Wasser, argwöhnisch von den Tieren beäugt. Nach einer Ruhepause bin ich bereit für den zweiten Teil der Stadterkundung.

Das Hundertwasserhaus ist ganz interessant, der ganze Hype darum mir jedoch nicht wirklich verständlich.

Also auf zum Botanischen Garten. Der wartet zu Ehren seines Begründers Nicolaus Host mit einer größeren Sammlung von Funkien (wissenschaftlich heißt die Gattung Hosta) auf, außerdem ein leider schon größtenteils verblühter Alpengarten, den ich um ein paar Samenstände ärmer mache. Ich bin gespannt, ob irgendeines der blumigen Mitbringsel wohl in meinem Garten aufgeht. Mit der Spornblume aus England war ich ja recht erfolgreich.

Das Überraschendste an diesem Tag in Wien ist für mich der Besuch des Gartens des Belvedere, der an den Botanischen angrenzt. Völlig unvermittelt wird der Blick von oben auf die Stadt frei, stilvoll gerahmt von einem formalen barocken Garten mit Brunnen und Fontänen. Der Blick von unten fällt über üppige Staudenrabatten auf das obere Belvedere. Hier haben es sich Prinzen und Erzherzoge offensichtlich gutgehen lassen.

Gutgehen lassen will ich es mir jetzt auch. Ich suche das schon heute morgen ins Auge gefasste Kaffeehaus auf und bestelle Kaffee, Torte und ein sekthaltiges Kaltgetränk, um meine dritte Etappe auf dem EuroVelo6 zu feiern. Mehr als die Hälfte des Radwegs liegt hinter mir. Wieder habe ich ein schönes Stück Europa durchradelt. Ob es für mich hier irgendwann weitergeht? Es sind noch etwa 1940 Kilometer bis zum Schwarzen Meer…

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Eine Stadt braucht einen Plan

Tulln – Wien    20. August 2018, 46 km

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Es scheint mit jedem Tag heißer zu werden. Schon vor dem Frühstück nehme ich ein Bad im See, der sich heute morgen kaum kühler als gestern abend anfühlt.

Es ist nicht mehr weit bis Wien, daher lasse ich es gemütlich angehen und beginne mit der Gartenschau in Tulln, die auf einem recht überschaubaren Gelände viele kleine Schaugärten und damit Ideen für meine eigene Gartengestaltung bereithält. Eine Unart kann ich nicht lassen: nein, ich pflücke keine Blumen, aber ich knipse, wo ich verheißungsvolle Kandidaten für meinen Garten finde, Samenstände ab und stecken sie in meine Tasche. Mal gucken, ob die Saat aufgeht.

Auf dem Weg nach Wien findet sich noch einmal ein wunderschöner Badestrand, an dem ich meine Mittagspause verbringe.

Zehn Kilometer vor Wien schalte ich meine Navi-App ein, die mich auf Fahrradwegen völlig problemlos zur Unterkunft in der Nähe des Hauptbahnhofs führt. Es lebe die Technik! Wenn ich an die mühsame Orientierung früherer Zeiten denke, ist gerade das Durchfahren von Großstädten damit entschieden entspannter geworden.

Nach Pause und Dusche geht es los, die Hauptstadt zu erobern. Die erweist sich als wenig sperrig, aber ich bin müde und vor allen Dingen überfordert mit der mir unbekannten Stadt. Ich steige am Stephansplatz aus, und laufe etwas ziellos durch die Gassen, stolpere fast über Hofburg und Museen, und bin erschlagen von der Fülle an historischen Gebäuden und vor allem an Möglichkeiten.

Schließlich fahre ich zum Prater. Eigentlich kein großer Kirmesfan, finde ich den Gang über das Gelände dennoch recht kurzweilig. Ich scheine warm zu werden mit dieser Stadt.

Zurück im Hotel zücke ich den Stadtplan und beginne, Ziele für morgen auszuwählen und zu markieren. Schließlich soll es mir mit Wien nicht so gehen wie mit Basel im Sommer 2016. Nach einer Weile steht der Plan in seinen Grundzügen. Mal sehen, was sich davon morgen realisieren lässt.

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Aller guten Dinge sind drei

Melk – Tulln    19. August 2018, 88 km

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„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ So textet eine Plakatwand am Ortseingang von Melk. Und ich denke mal wieder an den Vorsatz vergangener Reisen, nicht so viele Gelegenheiten vorüberziehen zu lassen.

Das Phänomen ist mir hinlänglich bekannt: da dürstet man nach einem Eis, einem Radler, einem schönen Pausenplatz, aber weit und breit ist nichts in Sicht. Man radelt und radelt weiter, die Kehle trocken, die Knie mürbe. Man nimmt schließlich mit einem Kompromiss vorlieb, da nichts anderes zu finden ist und der Durst oder Hunger zu groß werden. Nachdem man aber die Pause beendet hat und weiterradelt, reiht sich unerklärlicherweise ein geeigneter Ort an den nächsten.

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Hat sich wirklich das Leben gegen mich verschworen und bietet mir nur dann alles in Hülle und Fülle an, wenn ich schon gesättigt bin? Oder richtet sich meine Aufmerksamkeit erst dann auf das Fehlen, wenn der Bedarf schon recht groß ist? Bin ich die ganze Zeit an den schönen Möglichkeiten vorbeigeradelt ohne sie wahrzunehmen, weil ich das Eis, das Getränk, die Pause gerade nicht brauchte?

Heute will ich mal etwas aufmerksamer sein. Schon fast an dem schattigen Gastgarten (so heißen hier netterweise die Biergärten) vorbeigesaust, drehe ich um, um einen Kaffee zu trinken. Um diese Zeit ist es noch so kühl, dass ich Lust darauf habe. Die letzten Tage war es mir nachmittags immer zu heiß für Kaffee. Geeignete Badestellen suche ich lange vergebens. Ein radfahrendes Paar weist mir wieder eine passende Stelle. Auch hier wäre ich beinah vorbeigefahren. Es ist heiß heute, und das Bad in der Donau erfrischt. Ein zweites Mal tauche ich in Zwentendorf ein. Viele Menschen bevölkern den kiesigen Badestrand. Einwände gehen mir durch den Kopf: Was ist mit meinem Fahrad und dem ganzen Gepäck? Was mit den nassen Badesachen? Habe ich überhaupt Lust mich umzuziehen? Alles Vorwände: die Wertsachen nehme ich mit an den Strand. Ein bisschen Vertrauen in die Menschheit braucht es schon, alles am Strand liegen zulassen, während ich mich in der Donau treiben lasse. Aber mal ehrlich: wer lauert denn an einem Strand voller Menschen auf alleinreisende Radler, um ihnen ihre paar Kröten zu entreißen? Ach, und die nassen Sachen? Lasse ich einfach an. Ziehe ein schnelltrocknendes T-Shirt drüber und freue mich auf der weiteren Fahrt über die Verdunstungskälte.

Und das dritte Mal? Der Campingplatz in Tulln liegt direkt neben einem kleinen Badesee. Ich paddele hinaus, drehe mich auf den Rücken, strecke alle Viere von mir und lasse mich treiben. Ich lege den Kopf zurück. Die Geräusche dringen nur noch gedämpft an mein Ohr. Der Himmel ist blau. So schön ist das Leben vor dem Tod.

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